Die Globalisierung des Ich
und die Vernichtung des öffentlichen Raums
Ein Titel oder Thema für einer Psychotherapie-Konferenz in Zürich, Schweiz im Jahr 2002 war "Vom Ich zum Wir"und beleuchtet mit diesem Titel eine berechtigte Reaktion und Reflektion über die zunehmende "Ich-Kultur". Die Ich-Kultur ist oft verbunden mit Rücksichtslosigkeit, Gier, Völlerei und Überheblichkeit und ist gesteuert von einer Profitorientierung, die sich sowohl auf materiellen Profit bezieht als auch auf Profitierung durch Beziehungen. Es gibt keinen Zweifel, daß der Markt alle unsere ups und downs in allen Lebensbereichen beeinflußt. Das Thema "Vom Ich zum Wir" drückt offensichtlich auch einen Wunsch nach mehr Gemeinsamkeit und Miteinandersein aus sowie die Vorstellung, daß Ich, Du und Wir in größere Harmonie miteinander kommen. Die Ausdrücke Ich und Wir in einen Gegensatz zueinander zu setzen, kann irreführend sein, wenn wir uns nicht anschauen, in welchem Zusammenhang dieser Gegensatz auftritt. Denn die beiden Ausdrücke gehören sowohl zum privaten Raum als auch zum öffentlichen Raum, jedoch mit unterschiedlichen Bedeutungen. Der private Raum bezeichnet den Bereich und die täglichen Aktivitäten, die immer mit den Lebensnotwendigkeiten verbunden sind wie Essen, Kindererziehung etc. Es ist der Raum, wo wir konsumieren und produzieren, wo alle Aktivitäten zielorientiert sind und alles so beständig ist wie die Jahreszeiten, die immer wiederkehren. In diesem Raum sind wir alle gleich.
Wenn Wir und Ich im öffentlichen Raum auftreten, bedeutet das etwas ganz anderes. Im öffentlichen Raum ist der Mensch frei von den Lebensnotwendigkeiten, was eine Voraussetzung zum Handeln bedeutet. In diesem Raum wird alles, was man tut, von anderen Menschen gesehen und gehört. Das Handeln ist im Unterschied zu den Aktivitäten in der privaten Welt nicht zielorientiert und muß keine konkreten Produkte hervorbringen. Im Handeln zeigt der Mensch unwillkürlich, wer er ist und worin er sich von anderen Menschen unterscheidet, das heißt, er zeigt sich in seiner Besonderheit und Einmaligkeit. Gleichzeitig ist Handeln allein unmöglich, wir handeln immer miteinander und sind im Handeln auf andere Menschen angewiesen. Im öffentlichen Raum bedeutet Wir also "to act in concert". Jedes Argument und jede Tat wird gesehen und gehört und ist beziehbar auf den einzelnen Menschen.
Das steht im Gegensatz zum Wir im privaten Bereich. Dort bedeutet Wir einen Clan, eine Familie, eine Herschaft, eine Gesellschaft und Loyalität und Bruderschaft sind die bestimmenden Faktoren. Das Wir spricht hier mit einer Stimme: "wir denken, wir meinen" etc und Individualität spielt kaum eine Rolle, egal ob es sich um eine Demokratie oder ein Patriarchat handelt.
One of the paradoxes of democracy is that face-to-face interactions encourage participation but also often lead individuals to becorne intolerant of one another's differences. As a result, democracies tend to foster institutions whose goal is to preserve the sense of connectedness that makes people want to participate with one another, while leaving spaces between diverse individuals in which they can maintain their diversity". ( Larry May: Socialization and the Institutional Evil. Hannah Arendt Twenty Years Later, The MIT Press, Cambriadge, MA, London, UK 1997)
Im privaten Bereich mit der Konzentration auf die Lebensnotwendigkeiten wird hinsichtlich aller Tätigkeiten "Ich" und "Wir" zu ein und demselben. Heute erleben sich viele Menschen hinsichtlich dieser Notwendigkeiten, sich selbst und ihre Familien zu versorgen, als zunehmend bedroht und sehen sich auf einen größeren Zusammenhang bezogen nur noch wie ein Zahnrad in einer großen Maschine. Und wie jedes Zahnrad ist auch der Mensch als Zahnrad ersetzbar. Dieses Gefühle der Austauschbarkeit schlägt sich im Selbstwertgefühl nieder als Bild der grauen Maus oder der Gesichtslosigkeit. In dieser Maschinerie ist Anpassung und Verhalten die einzige Möglichkeit zu Überleben bei zunehmend eskalierendem Tempo.
Anpassung ist hier im negativsten Sinn des Wortes gemeint, nämlich ständig und ausschließlich nur das zu machen, was alle machen. Anpassung ist immer zielorientiert auf Geldverdienen, Karriere, Erfolg etc ausgerichtet. Und immer gilt: das Ziel heiligt die Mittel. Anpassung fördert den Opportunismus, der heute mit dem Euphemismus "Flexibilität" bezeichnet und kaschiert wird. Im Gegensatz zum Handeln verdeckt Anpassung die Individualität oder - noch schlimmer - vernichtet sie. Denn Anpassung zeigt die fürchterliche Tendenz, daß der Mensch nur auf ein Ziel ausgerichtet ist und nicht mehr wahrnimmt und bewertet, was er konkret dabei tut. Der Reflektionsprozeß wird aufgehoben. Menschen hören auf zu denken und werden damit inhuman.
Die deutsche Philosophin Hannah Arendt (1906 1975) beleuchtete in ihrem letzten Werk " Vom Leben des Geistes" eine zentrale Frage: "Was passiert mit den Menschen, die aufhören zu denken und sich lediglich auf zielorientierte Aktivitäten orientieren und beschränken"?.Als Beispiel benutzte sie den Kriegsverbrecher Adolf Eichmann. Für Hannah Arendt war es ein Rätsel, daß dieser Mensch sowohl durch Persönlichkeitstests als auch durch Stellungnahmen von Priestern und Psychiatern bescheinigt bekam, normaler als normal und ein Mann mit hohen moralischen Wertvorstellungen zu sein. Eichmann zeigt, was normale Menschen unter bestimmten Lebensumständen in der Lage sind zu tun, und wie schnell sie ihre Wertvorstellungen ändern oder aufgeben können.
Eichmann war kein überzeugter Nazi und an Politik wenig interessiert. Gemäß seiner Aussage vor Gericht hatte er auch nichts gegen Juden. Im Jahre 1961 wurde er aber hingerichtet als einer der größten Mörder in der menschlichen Geschichte. Dieses Zahnrad in der Mördermaschine der Nazis begegnete seiner Hinrichtung ohne ein Zeichen der Reue, sondern mit der unerschütterlichen Überzeugung, daß er sich lediglich den Forderungen der übergeordneten Instanzen angepaßt und sich gemäß deren Aufträge verhalten habe. In seinen Aussagen vor Gericht redete Eichmann nur in Floskeln und wiederholte diese wie ein Tonband. Er hatte sich nie Vorstellungen über die Konsequenzen seiner Aktivitäten gemacht und konnte sich überhaupt nicht in die Situation eines anderen Menschen einfühlen. Er war nur ein Zahnrad Als williger und gehorsamer Befehlsempfänger hatte er offensichtlich aufgehört zu denken und konnte demgemäß auch nicht handeln. Seine Loyalität gegenüber seinen Nazi-Brüdern und seiner Familie, gegenüber den höheren Autoritäten und Aufträgen war ihm wichtiger und einfacher zu erfüllen, als anzufangen, selbstständig zu denken. Mit der Ausbreitung dieses Wir-Gefühls, das in Nazi-Terminologie als"Volkskörper", oder im Schwedischen als "Folkhemmet" Sozialstaat beschrieben wird, wo alle individuellen Konturen nivelliert werden, und sich auflösen in der Überzeugung :"Wir sind alle gleich", werden Handeln, Reden und Denken vernichtet. Übrig bleiben nur Anpassung und Verhalten.
Auch der Markt heute nivelliert die Menschen zu nicht-handelnden, nicht- redenden und nicht-denkenden Wesen. Hannah Arendt weist darauf hin, daß die meisten Menschen "ein Bedürfnis" haben zu denken. Aber dieses Bedürfnis kann ausgelöscht werden durch dringliche Lebensnotwendigkeiten
Psychodrama und Gruppentherapie ist verbunden mit dem Namen J. L. Moreno(1889 1974). In Morenos Philosophie und Psychotherapie sind die Begriffe Handeln und Spontanität zentral.
Viele Gedanken von Moreno über diese Begriffe treffen sich mit der Philosophie von Hannah Arendt. Beide vertraten die Auffassung, daß der Mensch frei ist, solange er handelt.
Und beide machten uns auf das wachsende Risiko aufmerksam, daß wir mehr und mehr aufhören zu denken und eine Welt schaffen, die auf Konsumption und Produktion reduziert ist. Mit dem Schwinden des Handelns im öffentlichen Raum verlieren die Menschen schließlich ihre Fähigkeit zum Handeln und ihre Tätigkeiten sinken auf die nivellierte Stufe eines Zahnrad oder einer graue Maus.und gelangen damit in den absoluten Gegensatz, was es eigentlich heißt, als ein Mensch unter Menschen zu weilen.
Cologne, 2001
Leif Dag Blomkvist, Hilla Heuel